Mit dem Beginn eines neuen Jahres starte ich auch 2026 wieder meine kleine, aber feine Tradition: „12 Monate – 12 Bücher“. Für mich ist diese Reihe längst mehr als nur eine Sammlung schöner Lesetipps – sie ist ein fester Moment im Jahresrhythmus, in dem ich mich bewusst zurücklehne, Seiten verschlinge und mich von spannenden Geschichten inspirieren lasse. Nach dem vergangenen Jahr, das viele neue Routinen und kleine Freiräume gebracht hat, freue ich mich besonders darauf, wieder mehr Zeit für Bücher zu haben – ob in stillen Morgenstunden, beim Pendeln oder am Abend auf dem Sofa.
In diesem Jahr nehme ich euch erneut mit auf meine literarische Reise durch zwölf Monate voller Entdeckungen, Überraschungen und Lieblingsbücher. Vielleicht ist ja auch für euch die eine oder andere Inspiration dabei, die euer Jahr bereichert.
Januar: Leif Randt – Let’s Talk About Feelings
Das erste Buch des Jahres trägt gleich die richtige Mischung aus Leichtigkeit, Witz und Tiefe: Let’s Talk About Feelingsvon Leif Randt ist ein optimistisches Buch über traurige Abschiede – und eine Art Coming-of-Middleage-Roman, der gleichzeitig warmherzig und präzise ist.
Marian Flanders, 41, verkauft in seiner Westberliner Boutique Kleidung, die schöner kaum sein könnte, wirtschaftlich läuft es allerdings eher bescheiden. Nach dem Tod seiner Mutter Carolina, einst ikonisches Fotomodell, richtet er eine ungewöhnliche Trauerfeier auf dem ehemaligen Partyboot seines Vaters aus, bei der er die Asche seiner Mutter auf den Wannsee streut. Was wie der Beginn der freudloseren Hälfte des Lebens erscheint, wird für Marian zu einem Jahr der Verwandlung: Halbgeschwister, ambivalente Flirts und Reisen nach Sapporo, Neu-Delhi oder Wolfsburg lassen aus Traurigkeit stille Euphorie werden.
Randts Roman erzählt mit Distanz und Präzision, ironischem Charme und einem scharfen Blick auf unsere Gegenwart von Verlust, Wandel und der Kunst, das eigene Leben zu navigieren. Ein Buch, das man gierig liest und nach dessen Lektüre man sich leicht getröstet fühlt.
Leif Randt – Let’s Talk About Feelings. 288 Seiten. Erschienen bei Kiwi.
Der Februar wird poetisch, lakonisch und sonnendurchflutet zugleich.
In Luft zum Leben entführt Helga Schubert ihre Leser:innen durch Ostberlin, Moskau und Mecklenburg. Ihre Geschichten handeln von Sehnsucht, Aufbruch und innerer Freiheit. Schuberts Sprache ist klar, nüchtern und doch voller Gefühl – eine Einladung, über das Leben nachzudenken, ohne sich je belehren zu lassen. Ihre Texte hallen lange nach und erinnern daran, dass Übergänge, Abschiede und kleine Wunder überall zu finden sind.
Helga Schubert – Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang. Erschienen bei dtv.
Andrea Grill dagegen serviert in Sonnenspiel ein literarisches Farbenspiel zwischen Mode, Meer und italienischem Lebensgefühl. In Apulien verbindet sich ein Haus am Meer mit einer besonderen Freundschaft zwischen einer Näherin und einer neugierigen Journalistin. Zwischen Anziehung, Ablehnung und kreativer Macht entsteht eine sonnige, warme Geschichte über Selbstbestimmung, Überraschungen und die Magie kleiner Momente.
Andrea Grill – Sonnenspiel. Roman. Erschienen bei Leykam.
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März: Julie Caplin – Ein Zuhause im Frühling
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Der März darf bei mir leicht beginnen. Mit offenen Fenstern, ersten Sonnenstrahlen – und einem Buch, das genau dieses Gefühl einfängt. Ein Zuhause im Frühling von Julie Caplin ist ein klassischer Wohlfühlroman, aber einer mit Herz und genau der richtigen Portion Selbstfindung.
Ella, Londoner Illustratorin in einer kreativen Krise, zieht für ein halbes Jahr in ein Cottage in der englischen Countryside. Allein diese Ausgangslage fühlt sich wie ein Versprechen an: Neuanfang, Landluft, ein bisschen Einsamkeit – und natürlich bleibt es nicht dabei. Ein schwarzer Labrador namens Tess wirbelt Ellas Alltag durcheinander, und der grummelige Dorftierarzt Devon sorgt dafür, dass aus vorsichtigen Gesprächen langsam mehr wird.
Was ich an solchen Geschichten liebe: Sie sind vorhersehbar im besten Sinne. Man weiß, dass Herzen heilen dürfen. Dass Menschen sich entwickeln. Dass ein Ortswechsel manchmal alles verändert. Wilsgrave wird zu einem Ort, an dem nicht nur die Protagonistin, sondern auch wir Leser:innen kurz durchatmen können.
Ein Buch wie eine Tasse Tee im Garten. Warm, leicht, tröstlich – perfekt für den Frühling.
Julie Caplin – Ein Zuhause im Frühling. 432 Seiten. Erschienen bei Rowohlt Taschenbuch.
März: Thorsten Woywood – Mathilde & Marie
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Ganz anders, und doch ebenso wohltuend, ist Mathilde & Marie von Thorsten Woywood. Wenn es Bücher gibt, die entschleunigen, dann dieses.
Redu, ein kleines Bücherdorf in den belgischen Ardennen, ist der eigentliche Star dieser Geschichte. Hier gibt es nur einen Fernseher, das Internet läuft gerade einmal eine Stunde am Tag – und Zeit wird nicht als Gegner, sondern als Freund verstanden. Allein diese Vorstellung wirkt wie ein Gegenentwurf zu unserem durchgetakteten Alltag.
Marie, die ihr Pariser Leben hinter sich lässt, landet eher zufällig in dieser Gemeinschaft. Und langsam, fast unmerklich, verändert sich etwas. In ihr. In den Menschen um sie herum. Auch in der mürrischen Mathilde.
Woywood erzählt ruhig, achtsam und mit viel Wärme von Gemeinschaft, Hingabe und der heilsamen Kraft von Freundschaft. Kein großes Drama, keine lauten Wendungen – sondern ein leises, tiefes Gefühl von „Hier darf ich sein“.
Ein Roman, der daran erinnert, dass weniger tatsächlich mehr sein kann. Und dass Veränderung manchmal dort beginnt, wo wir es am wenigsten erwarten.
Thorsten Woywood – Mathilde & Marie. 336 Seiten. Erschienen bei dtv.
März: Rachel Khong – Real Americans
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Und dann gibt es Bücher, die größer greifen. Real Americans von Rachel Khong ist so eines. Ein Roman über Herkunft, Identität und die Frage, was uns eigentlich zu dem macht, was wir sind.
Silvester 1999 in New York: Lily Chen, Tochter chinesischer Einwanderer, trifft auf Matthew, privilegierter Erbe eines Pharmaimperiums. Zwei Welten prallen aufeinander – sozial, kulturell, wirtschaftlich. Was als Liebesgeschichte beginnt, entfaltet sich über Jahrzehnte zu einer vielschichtigen Erzählung über Familie, Geheimnisse und die Suche nach Wahrheit.
21 Jahre später steht Lilys Sohn Nick im Zentrum. Er spürt, dass ihm ein Teil seiner Geschichte fehlt – und beginnt, nach Antworten zu suchen.
Khong verbindet persönliche Schicksale mit großen gesellschaftlichen Fragen. Migration, Klasse, Zugehörigkeit, Macht – all das fließt in diesen Roman ein, ohne je belehrend zu wirken. Stattdessen entsteht ein Sog, der einen durch die 528 Seiten trägt.
Ein kluger, emotionaler Pageturner, der lange nachhallt. Und ein Buch, das perfekt in einen Monat passt, in dem wir selbst zwischen Aufbruch und Rückblick stehen.
Rachel Khong – Real Americans. 528 Seiten. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.
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